Es macht sehr viel Spaß, junge Männer aus dem Konzept zu bringen, einfach nur, weil man vor ihnen rumsitzt. Ich habe heute Morgen den Bekannten T., der vor drei Monaten beim Sex in eine riskante Situation geraten ist, zum Gesundheitsamt begleitet. Sozusagen als seelischen Beistand in einer Struktur, die für ihn als Ausländer mit beschränkten Deutschkenntnissen beängstigend ist. Wie überhaupt die ganze Situation ihn nervös macht. Die anonymen Tests sehen vor der Blutabnahme jeweils eine persönliche Beratung vor, die von einem Mitarbeiter, Anfang – Mitte 20 und sehr wahrscheinlich ebenfalls schwul, durchgeführt wird. Ich erkläre ihm, warum ich mit dabei sitze, und seine dusselige Einstiegsfrage an meinen Bekannten ist: „Was kann ich für sie tun?“ Der weiß darauf natürlich keine Antwort. Er fragt sich eher, was diese Befragung jetzt soll. Das Gespräch kommt nur stockend in Gang. Vor allem bei der Abklärung, inwieweit die konkrete Situation tatsächlich gefährlich war. T ist es peinlich, darüber zu reden. Der Berater schluckt und stockt, ich versuche mich unsichtbar zu machen, starre an die Wand, und nicke nur aufmunternd, wenn T. meinen Blick sucht. „Haben Sie noch Fragen“, richtet sich der Berater am Ende nochmal an mich. „Nö“ antworte ich und grinse: „Ich wollte Sie nicht verwirren“. „Ja, das merkt man, das ich verwirrt bin, nicht wahr? Ich fühlte mich die ganze Zeit so beobachtet“, gibt er zu. Dabei hat er seinen Job eigentlich nicht so schlecht gemacht. Wäre ich sein Supervisor, hätte ich ihm wohl nur geraten, nochmal an seinem Einstieg zu feilen. Und vor allem zu versuchen, seine Selbstsicherheit zu behalten.
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