Die September-Ausgabe des Magazins „Männer aktuell“ beschäftigt sich mit dem Schwerpunktthema Drogen und Medikamente. Schwule Männer berichten im O-Ton über ihre Erfahrungen mit Ecstasy, Viagra, Aspirin, Vitaminen, Hormonen, HIV-Medikamenten und Antidepressiva. Optisch und inhaltlich wurde das Thema prima umgesetzt. Die Redaktion hatte mich gebeten, zum Punkt Kombi-Therapie einen Text zu liefern. Nach dem Klick könnt ihr diesen Beitrag nachlesen, der im Wesentlichen das zusammen fasst, worüber ich hier bereits geschrieben habe.

Als ich 1993 in Berlin das monochrome Abschiedswerk „Blue“ von Derek Jarman auf der Leinwand sah, war ich besonders beeindruckt von der langen Liste möglicher Nebenwirkungen, die der an AIDS erkrankte Filmemacher einfach minutenlang vorlas. Am 24. August 2006 hatte ich nun auf einmal selber einen solchen Beipackzettel in der Hand, und wusste: Ab heute, mit Beginn meiner Kombi-Therapie, stehe ich auf derselben Seite, wie einst Jarman. Trotz aller Fortschritte in der Kombitherapie: Die Liste möglicher Nebenwirkungen ist nach wie vor beeindruckend wie beunruhigend. Mit entsprechender Furcht habe ich mein ersten gelben (Kaletra) und blauen (Truvada) Drops geschluckt.

Ein Jahr und rund 1.800 geschluckte Tabletten später weiß ich: Die kurzfristigen körperlichen Beeinträchtigungen waren weniger heftig, als befürchtet. Weit mehr beschäftigten mich die ersten opportunistischen Infektionen kurz nach Beginn der Therapie. Mein Immunsystem war bereits derart im Keller, dass sich Pilze in meinem Mund und Ekzeme am Körper wohlfühlten, und mich zwischenzeitlich Fieber lahm legte. Eines ist nach wie vor Scheiße, ich kann es nicht anders sagen: Der Durchfall, verursacht durch das Kaletra. In den Alltag ist es irgendwie integrierbar, wenn ich mehrmals am Tag meine Sitzung abhalten muss. Beim Sex allerdings nervt es gewaltig. Es hat schon mehrfach unschöne Vorfälle gegeben. Einfach so nach Lust und Laune sich hinzugeben, das geht nicht mehr. Das verunsichert stark und schränkt meine Sexualität spürbar ein. Was ein Glück, dass ich „versatile“ bin …

Mein Doc ist ok. Auch auf die Wichtigkeit der „Compliance“ hat er mich hingewiesen. Also die regelmäßige Einnahme der Medikamente, zweimal täglich zur selben Zeit. Bereits nach wenigen Monaten hatte ich meinen Immunstatus schon wieder soweit aus meinem Gedächtnis geschoben, dass ich die regelmäßige Einnahme regelmäßig vergaß. Ein echtes Problem, denn nur allzuschnell bilden sich dadurch Resistenzen und die Medikamente werden unwirksam. Ich habe es jetzt aber mit einer Doppelstrategie im Griff. Mein Handy klingelt um 10 und um 22 Uhr. Außerdem habe ich eine Pillendose angeschafft, in der jeweils die Tagesration liegt. Damit habe ich im Blick, ob ich auch brav alle Smarties geschluckt habe.

Das Ziel der Therapie ist es ja, das HI-Virus so weit im Blut zu reduzieren, dass es mit den üblichen Bluttests nicht mehr nachweisbar ist. Beim letzten Check war ich kurz vor dieser Grenze. Die Cholesterin-Werte im Blut sind derzeit zu hoch. Eine Nebenwirkung der Medikamente, der ich durch Ernährung und Sport begegnen sollte. Beides gelingt mir nur halbherzig. Die Pillen haben eindeutig mein Leben gerettet. Was sie nicht beseitigen können, dass sind die massiven psychologischen Beeinträchtigungen und Beschädigungen, die die HIV-Infektion mit sich bringt. Zumindest geht es mir so. Es beeinflusst die Sexualität (Bei Dates verstecke ich die Pillendose, ich muss häufiger die Sex-Gouvernante spielen bei denen, die mit mir Unsafe Play versuchen, ein Teil meiner Selbstsicherheit und Möglichkeiten ist dahin). Es beeinträchtigt die Partnersuche (Wann ist der richtige Zeitpunkt „es“ zu sagen? Wie gehe ich mit der Tatsache um, dass manche ihr Risikomanagement per Weglaufen organisieren?). Und es hat bei mir private Lebensplanungen über den Haufen geworfen. Ja, es ist inzwischen eine behandelbare chronische Erkrankung, das heißt aber nicht, dass das Leben mit den Pillen wieder so toll ist wie zuvor, wie es manche Pharmawerbung zu suggerieren versucht hat. Derek Jarman würde mir da Recht geben, wenn er noch könnte. Er starb wenige Wochen nach der Uraufführung von „Blue“, am 19. Februar 1994, an den Folgen von AIDS.