Heute die Folge: Wie sage ich es meinen Eltern? Als raus war, dass ich schwul bin, herrschte erst einmal ein paar Jahre Funkstille zwischen uns. Heute sind wir wieder ein Herz und eine Seele, aber könnte sich diese Eiszeit wiederholen, wenn ich ihnen mitteile, dass ich hiv+ bin? Wie es schonend beibringen?
Mehrfach schon hatte ich mit meiner Schwester Pläne durchgesprochen, wie man am besten taktisch vorgeht. Richtige Kammerspiele haben wir entwickelt, in denen zunächst sie auftritt, Infobroschüren auf den Küchentisch wirft, damit ich im nächsten Akt auftauchen kann, um auf informierte Erzeuger zu treffen. Und ähnliches dummes Zeug. Mir war irgendwann klar: Ich kann es nur direkt und persönlich sagen und niemanden vorschicken, und wie immer die Folgen dann auch sein werden, ich werde sie hinnehmen müssen. Zwischen den Jahren wäre vielleicht ein guter Zeitpunkt, so dachte ich.
Mitte Dezember rief meine Schwester an: „Sag es ihnen noch vor Weihnachten. Dann haben sie ein paar Tage Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Und wenn die Familie an Heilig Abend wieder zusammenkommt, kann man bei Bedarf weiterreden.“ Ich war einverstanden. Also rief ich für den 22. Dezember zum Familienrat zusammen, zu dem ich auch meinen Bruder einlud. Noch nie zuvor hatte ich zu solch einem Staatsakt geladen, es war also allen klar, dass es um etwas Besonderes ging. In der Tasche hatte ich ein paar Exemplare des „Heutigen Wissensstandes“, die kleine Infobibel der Deutschen AIDS-Hilfe.
„Ach du Scheiße“, entfährt es meiner Mutter kraftvoll nach meiner Eröffnung. Mein Bruder bekommt eine Sorgenfalte auf seine sonst so jugendlich glatte Stirn, er sinkt merklich zurück in die Sitzbank. Mein Vater nickt ein wenig. Ich schlüpfe schnell in die Rolle des Aids-Helfers, bevor große Emotionen aufkommen. Erkläre den Unterschied zwischen HIV und AIDS, erläutere die Kombi, die ich derzeit nehme, beruhige mit der Aussicht, dass gute Chancen bestehen, eher an altersbedingten Erkrankungen zu sterben. Um dann – wieder ganz der Sohn – auch zu erklären, warum ich mich erst jetzt in der Lage gefühlt hatte, ihnen davon zu berichten.
Zwischendurch bekommt auch mein Pa mal einen ganz traurigen Gesichtsausdruck, aber ansonsten geht es dramen- und tränenfrei ab. Mit der Möglichkeit hatten sie schon gerechnet, da sie wissen, wer Hauptbetroffenengruppe ist. Es gibt Umarmungen und Solidaritätsbekundungen von meinen Eltern zum Abschied. Mein Bruder, der mich zum Bahnhof fährt, und ebenfalls in seine Arme schließt, bringt es auf den Punkt: „Die haben total cool drauf reagiert. Das hätte ich nicht erwartet. Respekt!“ Er hat absolut Recht. Jetzt kann Weihnachten kommen.
2 Kommentare
termabox
19|Jan|2009 1Nun, die großen Emotionen sind es doch, die wir oft fürchten, wenn wir unsere HIV-Infektion in der Familie mitteilen. Und man wird doch auch schnell unsicher, wenn die Betroffenheit der anderen indirekt deutlich erfahrbar macht, dass man ihnen wichtig ist. Fliessen Tränen, zeigt es doch oft nur: Du bist mir nicht egal und ich wünsche Dir nur das Beste!
Kommen gar keine Emotionen (also “Drama und Tränen”), wäre es doch auch kränkend. Und natürlich sind immer viele Emotionen in diesen Situationen dabei, sonst täte man sich ja auch nicht so schwer damit, sich mit HIV in der Familie zu outen.
Klartext reden macht immer auch erwachsener, ist meine Erfahrung. Glückwunsch also!
Urlaub
11|Mrz|2010 2Also ersteinmal muss ich sagen, dass ich tierisch beeindruckt davon bin, dass du das so gerade aus, das mit deinen Eltern bequatscht hast. Ich finde es unheimlich schade, dass deine Eltern erst den Kontakt mit dir abgebrochen hatten, aber es ist umso schöner, dass ihr wieder Kontakt habt und sie auch für dich da sind und dich unterstützen.
Du gehst unheimlich gut mit den Thema um, hast dich informiert über die Krankheit, es gibt genug Jugendlich/Erwachsene die nicht wissen wie sie mit dieser Krankheit umgehen sollen und erzählen auch nicht ihrer Familie.
Also Respekt und Glückwünsch, also gute für die Zukunft!
Kommentar schreiben