evolutionIrgendwie ist der Knoten geplatzt. Was mir beim Umgang mit meiner Infektion noch vor wenigen Wochen als problematisch erschien, fällt jetzt leicht(er). Wie bei meinem Coming-out als schwuler Mann erweist sich auch hier die Strategie, möglichst offen damit umzugehen, als segensreich. Die Werdung zum selbstbewussten HIV-positiven Menschen ist im Gange. Nach drei Jahren war das auch langsam nötig.

Die Einweihung meiner Familie war dafür ein wichtiger Schritt. Ich brauche keine Schere mehr im Kopf zu haben, keine Lebensbereiche mehr bei ihnen ausblenden, da nun alles klar ist. Das unglückliche Taktieren bei der Frage, wann ich „Es“ meinen Dates sage, habe ich aufgegeben. Zu oft ist das nun schief gegangen, habe ich Hysteriker beruhigen, den AIDS-Beratungsonkel spielen und alle Schuld an den Ängsten meiner Kurzzeitbekanntschaften auf mich laden müssen. Den Verantwortungsschuh ziehe ich mir nicht mehr alleine an, der Hinweis erfolgt vorab. Wer mir dann absagt kann mich mal eben nicht am Arsch lecken.

Ansonsten ist überwiegend Serosorting beim Daten angesagt. Dann gibt es wenigstens keinen Erklärungsbedarf. Und es fühlt sich doppelt so gut an, wenn mir einer dieser hiv+ Männer gesteht, dass er zum ersten Mal seit Monaten überhaupt wieder entspannten Sex haben konnte, da ihn seine Infektion bislang zu sehr belastetet hatte. Seine Werdung hat gerade begonnen…